Geschichte


Entstehung und Entwicklung der BSFH in Kürze

Gottfried Ringli, April 1997


Ursprung

Wer nur die heutige Gestalt der Berufsfachschule für Lernende mit Hör- und Kommunikationsbehinderung kennt, wird kaum ahnen, aus welch schlichten und schwierigen Anfängen sie sich im Laufe von vier Jahrzehnten entwickelt hat. Anfangs der fünfziger Jahre schuf der Schweizerische Verband für Taubstummenhilfe SVTH (heute Verband für das Gehörlosenwesen), tatkräftig unterstützt vom Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit, BIGA, die Grundlagen zur Förderung der beruflichen Ausbildung Gehörloser. Am 10. Dezember 1953 trat die neu geschaffene Zentralkommission (heute Schulkommission) zusammen und wählte Johannes Hepp (1879–1963) zu ihrem ersten Präsidenten. Sie sollte gemäss eines am 23. Dezember vom BIGA und SVTH erlassenen Reglements die neu zu schaffende Berufsschule für Gehörlose leiten und beaufsichtigen. Die Einrichtung erhielt den Namen «Interkantonale Fachkurse für gehörlose Lehrlinge und Lehrtöchter des deutschsprachigen Landesteils». Im April 1954 nahm der erste und für längere Zeit einzige fest angestellte Lehrer und Leiter, Hansruedi Walther (1914–1975), die Arbeit auf.


Lehrpersonen

Von einer Berufsfachschule im Sinne einer gefestigten Institution mit Schüler- und Lehrerschaft und einem festen Sitz, einem Schulgebäude und einer gesicherten Finanzierung konnte überhaupt nicht die Rede sein. Schulorte der Fachkurse waren Zürich, Bern, Luzern und später St. Gallen. Die Schulräume mussten vom jeweiligen Kanton unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden. Der Leiter hatte als «Wanderlehrer» recht heterogen zusammengesetzte Gruppen von Gehörlosen in den geschäftskundlichen Fächern zu unterrichten. Administrative Unterstützung erhielt er vom SVTH und später von einem kleinen Sekretariat an seinem Wohnort. Ob ein hörgeschädigter Lehrling anstelle der öffentlichen Berufsschule an den Kursen dieser Sondereinrichtung teilnehmen sollte oder durfte, lag im freien Entscheid der Lehrvertragspartner. Trotz mancher Erschwernisse überstieg die Schülerzahl rasch die ins Auge gefasste Zahl von 40 und machte es nötig, neben dem einen Hauptlehrer eine Reihe von Nebenamtlehrern einzusetzen. Sie kamen anfänglich meist aus dem Fachbereich Gehörlosenpädagogik und mussten sich in die Probleme der Berufsbildung einarbeiten. Jeder Kursort erhielt eine Regionalkommission, in der u.a. die kantonalen Lehrlingsämter und die Berufsschulen vertreten waren und die insbesondere die Unterrichtsgestaltung zu überprüfen hatte. Finanziert wurde die Einrichtung durch Beiträge der kantonalen Lehrlingsämter und des Schweiz. Verbandes für Taubstummenhilfe, der das Defizit zu tragen hatte.


Schritte zu einer deutschschweizerischen Schule

Die Entstehung dieser Einrichtung zur beruflichen Ausbildung Gehörloser geht weitgehend auf Johannes Hepp zurück. Er hatte sich seit den zwanziger Jahren um die Fortbildung schulentlassener Gehörloser bemüht, hatte in den dreissiger Jahren in Zürich eine Lehrwerkstätte geschaffen und nach seinem Rücktritt als Direktor der Kantonalen Taubstummenanstalt Zürich (1944) den Aufbau einer regionalen Berufsschule für Gehörlose angestrebt. Immer aber hatte er das Ziel vor Augen, eine gesamtschweizerische Lösung mit einer starken zentralen Führung zu schaffen. Das Resultat war aufgrund der Mitsprache der in schulpolitischen Fragen regional denkenden Kollegen eher ernüchternd. Immerhin gelang es ihm, im SVTH und im BIGA eine gesamtschweizerische Trägerschaft zu finden und durch die Wahl eines für alle Kursorte zuständigen Leiters die Voraussetzungen für eine über die Regionen hinausreichende Planung und Koordination zu schaffen. 

 

Aus diesen regional konzipierten Anfängen heraus entwickelte sich in zum Teil hart umstrittenen kleinen Schritten die heutige Berufsfachschule für Lernende mit Hör- und Kommunikationsbehinderung mit Sitz in Zürich. Sie ist zuständig für alle hörgeschädigten Lehrlinge der deutschsprachigen Schweiz. Ein paar wichtige Schritte seien im folgenden dargestellt:

 

Als erstes erwies sich die Einschränkung auf Gehörlose als unrealistisch. Von Anfang an traten auch Schwerhörige, sei es aus den Gehörlosenschulen oder aus der Schwerhörigenschule Landenhof in die Berufsfachschule über. Sie bilden heute die Mehrheit, was schliesslich trotz Bedenken von seiten der Grundschulen zur Umbenennung der Einrichtung in Berufsschule für Hörgeschädigte geführt hat.

 

«Sehr rasch erwies sich auch die Absicht, durch Verzicht auf die Erteilung des Berufskundeunterrichts die Integration der Gehörlosen in Klassen von Hörenden zu sichern, als Illusion. Die Resultate der Abschlussprüfungen und die Klagen aller Betroffenen führten schrittweise zum heutigen umfassenden Schulungsangebot für Lehrlinge (Vorlehre, Lehre, Anlehre), die wegen ihres Hörschadens dem Unterricht an der zuständigen Berufsschule nicht zu folgen vermögen» (Reglement vom 29.11.1991). Durch Kurse zur beruflichen Weiterbildung und mit der Führung einer Berufsmittelschule bietet die Berufsschule für Hörgeschädigte heute die gleichen Ausbildungsmöglichkeiten wie eine öffentliche Berufsschule.


Leitung

 

Das starke Wachstum der Schülerschaft von ursprünglich 40 auf bis zu 250 Schüler/innen (heutiger Stand: 245) erzwang ein entsprechendes Wachstum der Lehrerschaft. Dies wiederum führte zum Ausbau des Rektorates (aktuell Rektor, Prorektorin, Verwaltungsleiter, Sekretariat) und zur Schaffung eines Lehrerkonvents mit Hauptlehrern und Lehrbeauftragten. 1976 wurde Heinrich Weber (1932) zum Nachfolger des im Amte verstorbenen ersten Leiters gewählt und von 1994 bis 2015 amtierte Anton Kleeb (1950) als Rektor. Seit Sommer 2015 ist der Hörgeschädigtenpädagoge, Berufsschullehrer und Erziehungswissenschaftler Markus Wyss (1961) Rektor der Berufsschule. Dass zur Wahl als Leiter und als Hauptlehrer heute die fachspezifische Ausbildung zum Berufsschullehrer gehört, ist unumstritten; in der Regel wird auch erwartet, dass zusätzlich eine Ausbildung in Pädagogik für Schwerhörige und Gehörlose gemacht wird.


Zentralisierung

Mit der Einführung des berufkundlichen Unterrichts verstärkte sich die Tendenz, die Kurse in Zürich zu zentralisieren. Mit dem revidierten Reglement von 1970 wurden die Regionalkommissionen abgeschafft. Seither steht die Schule unter der Aufsicht einer Schulkommission mit zur Zeit 9 Mitgliedern. Auf regionale Kurse wird nicht prinzipiell verzichtet; seit längerer Zeit werden aber in Luzern und St.Gallen keine Klassen mehr geführt.


Heute

Der Auf- und Ausbau der Berufsschule hat 1960 mit der Einführung der Invalidenversicherung einen starken Impuls erhalten. Sie schaffte vor allem im Finanziellen wesentliche Erleichterungen bis hin zur heutigen Regelung, sämtliche in direktem Zusammenhang mit der Berufsbildungabklärung stehenden Kosten zu übernehmen. Damit waren die Voraussetzungen zu einem letzten Schritt in der Verselbständigung gegeben: 1992 bezog die Berufsschule in Zürich-Oerlikon ein eigenes Schulgebäude. Damit löste sie sich definitiv aus der Bindung an die ebenfalls von Johannes Hepp gegründete Genossenschaft Gehörlosenhilfe Zürich, in deren Gehörlosenzentrum sie von Anfang an Gast- bzw. Mietrecht genossen hatte.

 

Ein Vergleich der beruflichen Situation Hörgeschädigter in der ersten Jahrhunderthälfte mit der Situation heute ergibt – abgesehen vom immer wieder aktuellen Problem der Arbeitslosigkeit – ein sehr erfreuliches Resultat. Das Angebot beruflicher Ausbildung hat eine enorme Erweiterung erfahren und ist in grossem Masse dem Angebot für Hörende gleichzustellen. Zu dieser Entwicklung hat die Berufsschule für Hörgeschädigte Wesentliches beigetragen. Sie bildet heute das deutschschweizerische Zentrum der Berufsbildung für Hörgeschädigte.


Berufsverzeichnis seit 1954

Einige Berufe gibt es heute nicht mehr, verschiedene Ausbildungen wurden revidiert (Änderung des Lernstoffes, der Lehrzeit-Dauer, der Berufsbezeichnung).

 

Agromechaniker
Andrucker-Kopist
Anlagen- und Apparatebauer
Apparate-Glasbläser
Architektur-Modellbauer
Armierer (Anlehre)
Autolackierer
Automatiker
Automechaniker
Automonteur
Autoservicemann
Bäcker
Bäcker/in-Konditor/in
Bäckerei-Angestellte/r (Anlehre)
Bauernmalerin (Anlehre)
Baupraktiker/in (Anlehre)
Bauschlosser
Bauzeichner (Tiefbau)
Bekleidungsgestalter/in
Betriebspraktiker
Beleuchtungszeichner
Blumenbinderin
Bodenleger
Bootsbaupraktiker (Anlehre)
Buchbinder
Büglerin
Büroangestellte/r
Büroanlehre
Carrossier Lackiererei
Chemische Reinigerin 
Chemielaborant/in
Chemigraph
Corsettschneiderin
Coiffeur Damen
Dachdecker
Damencoiffeuse
Damenschneiderin
Décolleteur
Dekorateur-Anlehre
Dekorationsgestalter/in
Dentalassistent/in
Detailmonteur
Detailhandelsangestellter
Detaihandelsassistent
Detailhandelsfachmann
Detailschlosser
Dreher
Drucktechnologe
Eisenbetonzeichner/in
Elektrobautelemonteur
Elektroinstallateur (Anlehre)
Elektromechaniker
Elektromonteur
Elektroniker
Elektronikmechaniker
Elektronikmonteur
Elektroplaner
Elektropraktiker
Elektrowickler
Elektrozeichner
Ersatzteilverkäufer (Garage)
Etuismacher (Anlehre)
Fachangestellte Gesundheit (FAGE)
Fachfrau Hauswirtschaft
Fachmann Betreuung
Fachmann Betriebsunterhalt EFZ
Fahrrad-Motorfahrrad-Mechaniker
Fahrradmechaniker
Fahrzeugschlosser
Fahrzeugwart/Zweiräder (Anlehre)
FEAM
Feinmechaniker
Flexodrucker
Floristin
Fotolaborant/in
Fotolithograf/in
Futtermüller
Galvaniseur
Gartenarbeiter/in (Anlehre)
Gärtner/in (A + B + C + D)
Gärtner Garten- und Landschaftsbau
Gärtner Zierpflanzen
Gärtnereiarbeiter
Geflügelzüchter
Gestalter Werbetechnik
Gipser
Glasmacher
Glasmalerin
Glätterin
Goldschmied/in
Grafiker
Graveur
Gürtler
Hafner
Hafner-Plattenleger
Handbuchbinder/in
Handstickerin (Anlehre) 
Handweber/in
Haushalt-Anlehre
Haushaltlehre
Haustechnik-Installateur
Hauswartmitarbeiter
Hauswirtschaftspraktiker
Hauswirtschaftliche Betriebsangestellte
Hauswirtschaftliche Spitalangestellte
Heizungsinstallateur
Heizungsmonteur
Heizungszeichner
Herrencoiffeur
Herrenschneider
Hochbauzeichner/in
Holzarbeiter (Anlehre)
Holzbildhauer
Hosenmacherin (Anlehre)
Hotelerieangestellter
Hotelfachassistentin
Industrie-Buchbinder
Industrie-Optikerin
Informatiker
Informatiker Systemtechnik
Informations- und Dokumentationsassistent
Innenausbauzeichnerin
Innenausstatter
Innendekorateur/in
Innendekorationsnäherin
Instrumenten-Optiker
Kältezeichner
Karosserie-Reparateur (Anlehre)
Karosseriesattler
Karosserieschlosser
Karosseriespengler
Karosseriezeichner
Kartograph
Käser
Kaufmännische/r Angestellte/r
Kaufmann B
Kaufmann E
Kaufmann mit Berufsmatura
Keramikmaler/in
Kleiderbüglerin
Kleingerätemonteur (Anlehre)
Kleinstückemacherin
Koch/Köchin
Konditor/in-Confiseur/in
Konditorin
Konfektionsschneider/in
Konserven- + Tiefkühltechnologe
Konstruktionsschlosser
Konstrukteur
Kosmetikerin
Küchenassistent/in (Anlehre)
Küchenangestellter
Küfer
Kunststofftechnologe 
Kunststopferin
Laborist/in
Lagerist
Landwirt
Landwirtschaftlicher Berufspraktiker
Lastwagenmechaniker
Lebensmittelverkäufer/in
Linierer
Locherin (Anlehre)
Lochkartner/in (Anlehre)
Logostikassistent
Logistiker EBA
Logistiker EFZ
Lorrainestickerin
Lüftungszeichner
Magaziner (Anlehre)
Maler/in
Maschinenbaupraktiker
Maschinenmechaniker
Maschinenmonteur
Maschinenschlosser
Maschinenzeichner
Masseur
Mass-Schneider
Maurer
Mechaniker
Mechapraktiker
Metallarbeiter/in (Anlehre)
Metallbauschlosser
Metallbauer
Metallbauer EFZ Schmiedearbeiten
Metallbearbeiter (Anlehre)
Metallbauzeichner
Metalldrücker
Metzger
Mikrobiologie-Laborantin
Mikromonteur
Modellschreiner
Modistin
Molkereiangestellter (Anlehre)
Molkerist
Müller
Offsetdrucker/in
Offsetmonteur/in
Opto-Laboristin
Orthodontist/in (Anlehre)
Papierschneider (Anlehre)
Patroneur-Zeichnerin
Pelznäherin
Pharma-Assistent
Pharmabiologie-Laborantin
Plattenleger
Policeuse
Polsterer
Polygraf/in
Polymechaniker
Portefeuiller 
Posamenter/in
Posticheuse (Anlehre)
Praktikant Pflege Betreuung
Programmierer
Regleuse-Finnisage (Anlehre)
Reprofotograf/in
Retoucheur
Rohrschlosser/Grossapparatebau
Sanitärinstallateur
Sanitärmonteur
Sanitärmonteur (Anlehre)
Sanitärzeichner
Sattler
Sattler-Tapezierer
Satzassistentin (Anlehre)
Schaltanlagenmonteur
Schaufensterdekorateurin
Schemazeichner/in (Anlehre)
Schmied
Schreiner/in (Bau + Möbel)
Schreinerpraktiker
Schrift- und Reklamegestalter
Schriften- + Reklamemaler/in
Schriftsetzer/in
Schuhmacher
Schuhmacher-Reparateur (Anlehre)
Serigraph/in
Shampooneuse/Friseuse (Anlehre)
Siebdrucker/in
Spengler
Spritzlackierer
Steinhauer
Steinmetz
Strassenbauer
Tapezierer-Bodenleger
Tapezierer-Dekorateur
Tapezierer-Näherin
Technischer Modellbauer
Technische Stickereizeichnerin
Technischer Zeichner
Telefonfeinmechaniker
Telematiker
Teppichstopferin
Textillaborant
Textilnäherin (Anlehre)
Textilpflegerin
Tiefbauzeichner/in
Töpfer/in
Typografin
Uhrmacher
Velo-Reparateur (Anlehre)
Vergolderin A + B 
Verkäufer Unterhaltungselektronik
Verkaufshelferin (Anlehre)
Vermessungszeichner
Vorhangnäherin
Wäscherei-Angestellte (Anlehre)
Weissnäherin
Werkstatt-Optiker (Anlehre)
Werkhofmitarbeiter
Werkzeugmacher
Werkzeugmaschinist
Zahntechniker/in
Zeichen-Kopistin (Anlehre)
Zimmermann
Zooverkäuferin