Porträt — Erfolge

Gianluca Stoob: Programmierer und hochgradig sehbehindert

Visuell lebt der 22-jährige Gianluca Stoob in einer Welt aus Schemen und Kontrasten, denn seit seiner Geburt ist er nahezu blind. «Eigentlich ist man als Blinder ja ganz normal», versucht er seine Welt zu erklären. Aber sich die Normalität herbeizuwünschen ist eine Sache. «Normal» zu leben eine andere. «Als Teenager war es schwierig für mich. Es zieht dich runter.»

Als Jugendlicher wird im klar, dass er beruflich etwas mit dem Computer machen will. Aber wie bringt man einem Lehrmeister bei, dass auch ein Blinder vor einem Bildschirm sitzen kann und dabei auch noch produktiv ist? «In der 2. Sekundarschulklasse hatte ich Angst, dass ich keine Lehrstelle finden werde.»

Ein Bekannter verschaffte Gianluca schliesslich einen Kontakt bei Sonova, einem der grössten Hörgerätehersteller der Welt. «Ich bewarb mich dort für eine Lehrstelle als Softwareentwickler.» Die Firma gab ein vorsichtiges «Ja». Gianluca sollte aber erst eine Schnupperlehre machen. «Für eine Firma ist es immer ein Risiko, jemanden wie mich einzustellen. Es ist alles komplizierter, wenn man nicht sehen kann.»

Es dauerte ein ganzes Jahr, bis endlich feststand: Gianluca bekommt die Lehrstelle. Von da an lief alles glatt. «Ich hatte während der Lehre grosses Glück, dass ich an viele gute Leute geraten bin, die mir viel beibringen konnten.»

Seine Art zu programmieren ist aussergewöhnlich. Als Hilfsmittel verwendet er eine Braille-Zeile und Kopfhörer. Mit ihnen ertastet und hört er den Code, den er schreibt.  Damit ist er zwar nicht so schnell wie ein sehender Programmierer, aber sein Code ist so zuverlässig, dass er nach seiner Lehre eine Festanstellung bei der Sonova bekam.

Gianluca Stoob: Programmierer und hochgradig sehbehindert

Gianluca Stoob ist stark sehbeeinträchtigt. Trotzdem schaffte er es, seinen Traumjob zu erlernen und darauf zu arbeiten. Ist er traurig, greift er zur Gitarre und jamt zu Heavy Metal.


Kyra Lüthi: Hochbauzeichnerin und schwerhörig

Kyra Lüthi ist Innenarchitektur-Studentin an der Luzerner Hochschule für Technik & Architektur. Bereits im ersten Jahr dort wurden die Medien auf sie aufmerksam, weil sie für eine Semesterarbeit eine Wohnung mit durchsichtigen Wänden entworfen hat. Von der Dusche aus hat man Küche, Wohnzimmer und Eingangstür im Blick.

«Ich bin schwerhörig. Durchsichtige Wände helfen mir, wenn ich Besuch habe. Rufen kann man mich ja nicht. Aber winken geht, egal in welchem Raum ich gerade bin», sagt Kyra.

Sie wurde gehörlos geboren. Mit fünf Jahren bekam sie ihr erstes Cochlea-Implantat eingesetzt. Das war 1997. «Damals war das noch etwas Neues in der Medizin», sagt sie. Mit sieben Jahren folgte das zweite Implantat. «Ich war die erste in der Schweiz, die beide drin hatte.» Ein Meilenstein in der Medizingeschichte.

An der BSFH hat sie die Lehre als Hochbauzeichnerin absolviert. «Weil ich in diesem Jahrgang die einzige war, bekam ich Einzelunterricht. Da bin ich sehr gefördert worden.» Ihr Lehrbetrieb war mit sieben Angestellten überschaubar. «Ich habe schon im Bewerbungsgespräch meine Schwerhörigkeit erwähnt.» Ihr Rat: «Man darf nicht schüchtern sein und muss offen auf die Leute zugehen.»

Ihr Rezept ging auf. Zum Lehrabschluss schenkte ihr der Chef ein Skizzenbuch. Auf der ersten Seite stand eine Widmung: «Für die beste Lehrtochter aller Zeiten.» «Für mich war das ein riesiges Kompliment. Das nehme ich nun immer hervor, wenn ich im Leben nicht weiterkomme oder mal betrübt bin.»

Anschliessend arbeitete sie ein paar Jahre auf ihrem Beruf und besuchte begleitend die Berufsmittelschule an der BSFH. Nun lässt sich die Power-Frau zur Innenarchitektin umschulen.

Kyra Lüthi: Hochbauzeichnerin und schwerhörig

Kyra Lüthi bezeichnet einen medizinischen Meilenstein. Sie bekam in den 1990er Jahren als erste Person in der Schweiz Cochlea-Implantate auf beiden Ohren. Die gelernte Hochbauzeichnerin sattelt gerade auf Innenarchitektin um, denn ihr jetziger Beruf ist ihr zu wenig kreativ.


Timon Nyfeler: Student und schwerhörig

Timon Nyfeler ist gross und athletisch gebaut. Er ist seit Geburt auf beiden Ohren fast taub. Zwei Hörgeräte verstärken zwar einen schwachen Hör-Rest, doch Timon ist auf das Ablesen der Lippen angewiesen.

Durch seine Behinderung hat er in seinem erst kurzen Berufsleben eine Serie von hoffnungsvollen Versuchen und bitteren Irrtümern durchlebt. An der BSFH absolviert er 2010 eine Lehre zum Sanitärinstallateur. Doch schon während der Lehre merkt er, dass das nicht so «sein Ding» ist. Seine Schwerhörigkeit macht es ihm nicht leicht, akzeptiert zu werden. «Der Umgang auf dem Bau war eher grob. Die sagten: Hör doch mal besser zu! Das war nicht so angenehm.»

«Mein Traumberuf ist eigentlich Sportlehrer», sagt Timon. «Aber wegen der Kommunikation ist das nicht so einfach.» Er lässt sich aber trotz der eigenen Bedenken zum Fitnessinstruktor ausbilden. Als er jedoch die nächste Stufe erklimmen möchte und eine Ausbildung zum Physiotherapeuten anstrebt, scheitert er an der Aufnahmeprüfung.

Schliesslich schreibt er sich für ein Studium in Sozialer Arbeit ein. Dies absolviert er in der Praxisausbildung. Dazu bewirbt er sich erfolgreich auf eine Teilzeitstelle bei der Beratungsstelle für Schwerhörige und Gehörlose in Bern. Teil seiner Aufgaben ist es, Schwerhörige und Gehörlose zum Arzt, zur IV oder zum Büro der Regionalen Arbeitsvermittlung zu begleiten.

Timon ist auf gutem Weg, seine Ausbildung erfolgreich abzuschliessen. «Der Wille ist sehr wichtig. Wenn man etwas wirklich möchte, dann kann man es erreichen. Wichtig ist eine positive Einstellung und die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen.»

Timon Nyfeler: Student und schwerhörig

Timon Nyfeler packt das Leben beim Schopf. Doch weil er hochgradig schwerhörig ist, muss er es oft zwei- oder dreimal versuchen, bevor er auf Erfolgskurs kommt. Ihm macht das nichts aus, denn mental und psychisch ist er so stark wie ein Tennis-Ass.


Melissa Kayiran: Chefin und gehörlos

Melissa Kayiran ging in der Lehre wegen ihrer Schwerhörigkeit durch die Hölle. Heute ist sie erfolgreiche Besitzerin eines Coiffeur-Salons und eines Barbiers. Alles beginnt mit einem Hörsturz in ihrer Jugend. «Für mich ist damals eine Welt zusammengebrochen», erzählt sie.

Sie macht eine Coiffeur-Lehre. Doch ihr Lehrmeister kann sich nicht in ihre schwerhörige Welt hineinversetzen. Statt beim Sprechen darauf zu achten, dass sein Mund sichtbar ist, spricht er Mellissa von hinten an. Mit dieser Situation wird ihr Hörgerät jedoch nicht fertig. Sie kann ihn schlicht nicht hören. Der Lehrmeister fühlt sich ignoriert. «Er sagte mir, das sei respektlos.» Die Situation eskaliert. Wegen der psychischen Belastung erleidet Melissa einen erneuten Hörsturz. Dieses Mal erlischt ihr Gehör vollkommen.

Sie wechselt die Lehrstelle. Dort wird sie zwar als Gehörlose akzeptiert, doch wie alle anderen Lehrlinge ist sie vor allem mit Putzen beschäftigt. Die Plackerei fordert ihren Preis. Nach der Ausbildung hat Melissa gründlich die Nase voll vom Haare schneiden. «Ich wollte nicht mehr arbeiten.»

Nach einer Pause steigt sie wieder in den Beruf ein. Dieses Mal als Selbständige. Im Maihof Luzern eröffnet sie einen Laden. Da sie nicht telefonieren und damit keine Reservationen entgegennehmen kann, nimmt sie nur Laufkundschaft. Doch das Geschäft läuft.

2018 kann sie sogar eine Filiale aufmachen – einen Barbier. Ihr Tipp für andere Schwerhörige, die ihren Traum verwirklichen wollen: «Denkt immer daran, dass wir genauso stark sind wie die anderen.»

Melissa Kayiran: Chefin und gehörlos

Behinderten weht auf dem freien Arbeitsmarkt immer noch ein steifer Wind entgegen. Doch Melissa Kayiran hat sich über alle Widerstände hinweggesetzt und sich zur Inhaberin von zwei Coiffeur-Läden hochgearbeitet.


Manuela Gasser: Schreinerin und hörbeeinträchtigt

Manuela Gasser hat sich durch alle Widrigkeiten des Lebens zu ihrem Traumberuf gekämpft. Sie wird gehörlos geboren. Die Ärzte bescheinigen ihr jedoch eine normale Hörfähigkeit. Mit drei Jahren bekommt sie ihr erstes Cochlea-Implantat.

Seit sie Kind ist, liebt sie Holz. Für sie ist klar, dass sie Schreinerin wird. Ausgerechnet. Denn in einer Schreinerei ist es permanent laut – ein Albtraum für alle Hörbehinderten. Doch Manuela will es so. Sie schliesst 2015 an der BSFH eine Lehre als Schreinerin ab.
 
Danach beginnt der steinige Weg der Jobsuche. Sie verschickt Dutzende von Bewerbungen, jobt als Temporäre auf dem Bau, meldet sich beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum an. Doch trotz aller Anstrengungen verstreichen die Monate ergebnislos.

Nach rund sechzig Bewerbungsschreiben findet sie endlich eine Anstellung in einer Schreinerei in der Region Zürich. Sie sucht sich in der Nähe eine Wohnung und zieht um. Alles läuft bestens. Doch nach wenigen Monaten entlässt ihr Chef sie und vier weitere Mitarbeiter aus wirtschaftlichen Gründen.

Der langwierige Bewerbungsprozess beginnt von vorne. Zeitweise arbeitet sie sogar bei einem Wasserkraftwerk, nur um der Arbeitslosigkeit zu entfliehen. Ihre Beharrlichkeit führt sie schliesslich erneut zum Ziel. Sie findet eine Schreinerei im Toggenburg.

An den Lärm hat sie sich inzwischen gewöhnt. Die Arbeit ist herrlich. Wenn sie über Holz redet, strahlt ihr Gesicht. Sie ist in ihrem Traumberuf angekommen.

Manuela Gasser: Schreinerin und hörbeeinträchtigt

Sich als Frau in einer Männerdomäne zu behaupten, ist schwierig. Erst recht, wenn man noch hörbeeinträchtigt ist. Manuela Gasser hat es geschafft. Heute lebt sie ihren Traumberuf als Schreinerin.