Porträt — Geschichte

Die Berufsfachschule für Lernende mit Hör- und Kommunikationsbehinderung (BSFH) in Zürich-Oerlikon

Die Berufsfachschule für Lernende mit Hör- und Kommunikationsbehinderung (BSFH) in Zürich-Oerlikon wurde 1954 unter der Bezeichnung «Interkantonale Fachkurse für gehörlose Lehrlinge und Lehrtöchter des deutschsprachigen Landesteils» gegründet.


Vom Menschen zweiter Klasse zum Handwerker

Bis ins 18. Jahrhundert galten Taubstumme weitgehend als Menschen zweiter Klasse. Man betrachtete sie als unterentwickelte und bemitleidenswerte Kreaturen. Weil auf ihre Bedürfnisse spezialisierte Schulen fehlten, hatten sie kaum eine Chance, die Kommunikation mit ihren Mitmenschen zu erlernen, geschweige denn einen Beruf.

Das änderte sich im 19. Jahrhundert. Damals entstanden über die ganze Schweiz verteilt viele Gehörlosen- und Taubstummenschulen. Ihr Ziel war es, den Kindern und Jugendlichen Sprachfähigkeit zu lehren, damit sie anschliessend zu einem wertvollen oder besser gesagt arbeitenden Mitglied der Gesellschaft werden konnten. Dazu wurden sie nach der Gehörlosenschule an einen Lehrmeister vermittelt.

Damals war man noch weit entfernt von einer freien Berufswahl für Hörbehinderte. Für Knaben stand nur eine kleine Zahl von Handwerken zur Verfügung, die man für zumutbar hielt. Das waren vor allem Schneider, Schuhmacher, Schreiner oder Korbflechter. Bei Mädchen waren es meist Schneiderin und andere textile Berufe.


Der Lehrmeister als Universalpädagoge

Die ganze Verantwortung der Bildung wurde damals auf den Lehrmeister abgewälzt. Um einen Schwerhörigen auszubilden, musste er pädagogisch geschickt sein und seinen Zögling über die Berufskunde hinaus in allen Bereichen des Lebens fördern. Das ging meist nur, wenn er ihn in die eigene Familie aufnahm.

Dieses System war jedoch nicht sehr erfolgreich. Nicht einmal die Hälfte der Taubstummen konnten einen Lehrabschluss machen. Viele blieben ihr Leben lang in der Obhut ihrer Eltern. Und selbst mit einer Ausbildung waren sie schlecht in die Gesellschaft integriert und fristeten ein Schattendasein.


Die Macht der Vereine

Ab Beginn des 20. Jahrhundert kam Bewegung in die Sache. Gehörlose schlossen sich zu Vereinen zusammen und begannen damit, sich für ihre Anliegen einzusetzen. Eine für sie zugeschnittene Ausbildung in besonderen Schulen und soziale Integration waren die Kernthemen. 1914 wurde an einer Taubstummenkonferenz befunden, dass man eine überkantonale, auf Taubstumme spezialisierte Berufsschule gründen müsse. Doch die Kantone konnten sich nur schwer mit dieser Idee anfreunden. Zudem brach kurz nach der Konferenz der Erste Welt Weltkrieg aus, was der Gehörlosen-Bewegung einen Dämpfer verpasste.


Die BSFH wird geboren

Ein Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg war die Gesellschaft endlich bereit für die Gründung der BSFH. Im April 1954 ging es los. Damals nahm der erste und für längere Zeit einzige fest angestellte Lehrer und Leiter, Hansruedi Walther, die Arbeit auf und blieb 21 Jahre auf seinem Posten.
 
Die Einrichtung erhielt zuerst den Namen «Interkantonale Fachkurse für gehörlose Lehrlinge und Lehrtöchter des deutschsprachigen Landesteils». Die Schule war also eher eine Ansammlung von Kursen. Von einer Berufsfachschule im Sinne einer gefestigten Institution mit Schüler- und Lehrerschaft und einem Schulgebäude konnte keine Rede sein. Schulorte der Fachkurse waren Zürich, Bern, Luzern und später auch St. Gallen. Walther unterrichtete als «Wanderlehrer» recht heterogen zusammengesetzte Gruppen von Gehörlosen.


Ein eigenes Schulhaus

Die Schülerzahl überstieg rasch die ins Auge gefasste Zahl von 40 und machte es nötig, neben dem einen Hauptlehrer eine Reihe von Nebenamtlehrern einzusetzen. Sie kamen anfänglich meist aus dem Fachbereich Gehörlosenpädagogik und mussten sich selber in die Berufsbildung einarbeiten.
 
1969 wurde die BSFH ein erstes Mal sesshaft und bezog in Zürich Oerlikon ein Schulgebäude. Sie war nunmehr zuständig für alle hörgeschädigten Lehrlinge der deutschsprachigen Schweiz. 1992 wurde das heutige Schulgebäude an der Schaffhauserstrasse 430 bezogen. Die Schülerzahl wuchs zeitweise auf 250 an.


Die Berufsmittelschule als neues Angebot

Nach dem altersbedingten Rücktritt des Rektors Heinrich Weber übernimmt Anton Kleeb 1994 das Amt. Er führt die Schule durch die 1990er-Jahre ins neue Jahrtausend. Ein Meilenstein in dieser Zeit ist die Etablierung der Berufsmittelschule BMS (heute Berufsmaturität) an der BSFH. 1997 schliesst der Elektrotechniker Michael Heuberger als erster Gehörloser die BMS in technischer Richtung ab.


Das Spektrum erweitert sich

Im neuen Jahrtausend erweitert sich der Kundenkreis der BSFH. Neben  Hörbehinderten und Lernenden mit einer Sehbeeinträchtigung treten nun auch Lernende mit Spracherwerbsstörungen, Autismus-Spektrum-Störungen, Auditiver Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung sowie weiteren Handicaps in die Schule ein. Im Sommer 2015 übernimmt der Hörgeschädigtenpädagoge, Berufsschullehrer und Erziehungswissenschaftler Markus Wyss das Amt von Anton Kleeb.